Erlebnisweg Bürgersteig

Es gibt den Eifelsteig, den Rheinsteig, den Rennsteig, den Moselsteig, den Bergischen Panoramasteig, und, und, und. Denkt da noch jemand an einen der ersten Steige, den Bürgersteig?
Wohl kaum. Im Internet findet man bei Wikipedia den Eintrag „Gehweg“. Darunter steht irgendwo geschrieben: „Der Bürgersteig heißt in der Deutschschweiz offiziell das Trottoir; dies ist auch die einzig übliche alltagssprachliche Bezeichnung. Das französische Wort Trottoir basiert auf dem Verb trotter (trotten) und dem Suffix -oir (von lateinisch -orium, der Ort, wo etwas stattfindet).“ Aha, das Trottoir ist also ein Ort, wo getrottet wird. Ich werde das Trotten an sich hier nicht ausfühlicher behandeln. Nicht dass ich nachher als Trottel da stehe.
Demnach befindet sich also der Bürgersteig in der Deutschschweiz. Immerhin scheint seine Länge eine sehr unwahrscheinliche zu sein, weil er sehr, sehr weit reicht.
Konrad Duden sagt dazu in Band 1 lediglich: „Bür|ger|steig“. Selbst dort wird ihm also nicht viel Bedeutung zugemessen.
Ich kann mir darauf keinen Reim machen dass so wenig über den Bürgesteig zu finden ist, während man ihn selbst direkt vor der eigenen Haustüre findet (was für eine gegensätzliche Aussage). Meistens wenigstens.
Aber das ist sein größtes Plus. Es braucht keine lange Anfahrt. Weder mit dem eigenen Kfz, noch mit einem öffentlichen Verkehrsmittel, oder gar mit einem per Muskelkraft angetrieben Fortbewegungsmittel. Und auch weiterhin weiß ich nur Gutes zu berichten.

Der eine findet ihn vor seiner Haustüre mitten in der Großstadt in eng bebauten Wohnvierteln, der andere am Stadtrand als schmalem Pfad mit naturbelassenen Rinnsteinen wieder.
k-DSCF2955k-DSCF2435k-020320141265
Ich selbst bevorzuge die Kurzstrecken innerhalb der Stadt, wegen ihrer Abwechslung und hoher Erlebnisdichte. Ganz gleich welche Richtung ich auch einschlage, des öfteren muss ich beherzten Schrittes Hindernisse überwinden und darauf achten nicht mit dem Rucksack an Aussenspiegeln hängen zu bleiben. Da ich noch nicht auf Gehhilfen jeglicher Art angewiesen bin klappt das aber einigermaßen gut.

An dieser Stelle weise ich außerordentlich auf die Gefahren hin, die durch tektonische Plattenverwerfung entstehen können. Im Laufe der Zeit verändern Betonplatten einfach mal so ihre Lage und heben oder senken sich an der ein oder anderen Stelle. Hier heißt es Augen auf und Füße hoch. Die unmittelbare Sturzgefahr droht hier und ist nicht zu unterschätzen.
Auf vom feuchten Niederschlägen benetzten Plastersteinen, oder sogenannten glatt polierten Katzenköppen herrscht hingegen extremste Rutschgefahr. Plötzliche Richtungswechsel sollten hier absolut vermieden werden.
k-270420141351k-270520141403

Nach wenigen Metern findet man im hügeligen Gelände oft sogenannte Treppen, mit deren Hilfe man recht bequem steilere Steigungen meistert und nicht wenige Höhenmeter auf kürzester Strecke überwindet. Teils sind seitliche Begrenzungen mehr, oder weniger künstlerisch gestaltet, teils wird man schlicht auf kürzestem Weg durch eine Schlucht geführt, die bei starken Regen zu einer Klamm werden kann.
k-180520141389k-DSCF2952

In manchen Kurven bin ich dankar für die Kettensicherung. Nicht dass ich wegen zu forschen Schrittes aus der Kurve getragen werde und die Bordsteinkante hinabstürze.
k-DSCF1034

Dann erreichte ich eine kurze Passage an der der Bürgersteig überdacht war. Warum wird das nicht grundsätzlich auf allen Wegen so gemacht? Ich fühlte mich darunter völlig sicher vor herabstürzenden Heißluftallons und es war angenehm schattig.
k-DSCF1153 k-DSCF1154

Ich kam an einen Berg und entschied mich ihn zu besteigen, um fast an der Baumgrenze die Aussicht zu genießen. Zum Glück ging es schnurgerade hinauf, so dass mir der Blick nicht durch irgendwelche Serpentinen verbaut wurde.
k-DSCF2414k-DSCF2416

Oben auf dem Hochplateau fand ich recht verlassene, bis sanierungsbedürftige Wegabschnitte und Grundstückseinfriedungen die schon zu dieser Jahreszeit in prächtigster Rostblüte standen.
k-DSCF2422k-DSCF2424

Irgendwo dort fand ich auch diesen kleinen Schatz. Wegen der ermoren Höhe des klippengleichen Bordsteines traute ich mich nicht ihn zu heben. Was, wenn ich in dieser Einöde stürze … In meinem Kopfkino spielen sich unglaubliche Szenarien ab. Ich versuche sie abzuschütteln und zu vergessen. Doch der Horror holt mich wieder ein und beschäftigt mich noch eine Weile.
Ich könnte gar von solch einem in großer Eile vorbeirasenden, gummibereiften Blechungetüm erfasst werden und seine frischgewaschene, hartwachsbewehrte Lackoberfläche mit meinen spontan austretenden Körpersäften kontaminieren. Was dann?
Nein, das war mir gar zu gefährlich. Ich trotte weiter auf der Suche nach anderen Erlebnissen.
k-DSCF2428k-DSCF2432

Etwas später komme ich an diesen mittels Leuchtsignal überwachten Fahrbahnübergang. Wie auf dem Beweisfoto zu sehen ist, signalisiert mir die Überwachung wegen drohender Gefahr stehen zu bleiben.
Diese Gefahr muss sehr umfassend sein, weil ich nach ca. 20 Minuten, immer noch stehend, vor der Warnung in meiner letzten Bewegung verharrte. Ich setzte mich schließlich.
Nach weiteren geschätzten 20 Minuten bekam ich Gesellschaft von einem mir unbekannten Wanderer. Er sah mich an und fragte ob es mir eventuell nicht gut ginge und Hilfe benötigte. Ich verneinte höflich seine Bedenken und teilte ihm mit dass ich lediglich auf das erlösende Signal wartete, die Fahrbahn gefahrlos überqueren zu können.
Er schüttelte nur den Kopf, wandte sich von mir ab und manipulierte irgend etwas an dem kleinen gelben Kasten der sich in Brusthöhe an der Warnanlage befand. Ich konnte leider nicht erkennen was er genau machte. Auch fiel mir nicht auf welches Werkzeug er dazu benuzte. Aber er hat eindeutig irgendwas daran herumgefummelt. Denn nach wenigen Augenblicken wechselte das Signal auf grün. Gefahr gebannt.
k-DSCF2433

Da tut sich plötzlich eine Abkürzungsmöglichkeit zwischen zwei Bürgersteigen auf. Es sind zwar auch einige Stufen zu nehmen, aber abenteuerlich mutet die Wildnis links und rechts an. Wahrscheinlich begegnen mir dort wilde Singvögel und gefährliche Erdhummeln. Ich hab es am Ende heil überstanden und konnte triumphierend auf das geleistete hinabschauen.
k-DSCF2438k-DSCF2437

Dann plötzlich wieder ein Singletrail im Großstadtdschungel. Kurz vor der Unterzuckerung finde ich gerade noch rechtzeitig vor der nächsten Treppe eine adäquate Nachfüllstation.
k-DSCF2442k-DSCF2443k-DSCF2950

Schließlich komme ich in eine Gegend in der der Bürgersteig die komplette Häuserflucht ausfüllt und zahlreiche Picknickplätze zur Rast einladen.
k-DSCF3823

Einige Meter weiter werde ich vorbei an schmiedeeisernen Leitplanken trockenen Fußes über einen Fluss geleitet. Offensichtlich besteht hier Diebstahlgefahr, so dass das wertvolle Metall mit Vorhängeschlössern gesichert werden muss.
k-DSCF3826 k-DSCF3827

Hier konnte ich auch feststellen dass nicht nur Menschen ihren Müll einfach liegen lassen, sondern auch Müll einfach ihren Menschen mehr oder weniger liegen lassen.
k-DSCF3830 k-DSCF3831
k-DSCF3832Bei einer weiteren Brücke fielen mir die unterschiedlich hohen Geländer auf. Ich habe sie eine ganze Weile beobachtet. Jedoch wollte sich mir der Grund hierfür nicht erschließen.

 

 

 

Da hätte ich besser mal die letzte Picknickbank genutzt. Hier ist alles schon besetzt. Und um ein Haar hätte ich mich von der lieblich anzusehenden Schaufensterdekoration ablenkenlassen und dieses Hindernis übersehen.
k-DSCF3834 k-DSCF3836

Dann geschah es. Ich geriet in eine Art Sog und andere anscheinend auch. Folgten wir dem Ruf eines höheren Wesens oder der gleichen inneren Stimme? Geriet ich gar in eine Art Revolution? Die Menschen gingen teilweise kreuz und quer und bemächtigten sich später sogar der Fahrbahn.
k-DSCF3837

Nur gut dass es in recht kurzen Abständen Rastmöglichkeiten mit reichhaltig gastronomischen Angebot gab. Manch ein Wanderer wäre dort sonst nicht lebend wieder heraus gekommen. Stellenweise wurde ich sogar von einäugigen Wesen beobachtet.
k-DSCF3838 k-DSCF3841 k-DSCF3842

Wie bin ich froh wenn ich diese breiten, weißen Streifen sehe. In Gedanken überquere ich dann die Abbey Road, so sicher wie ein Beatle.
k-k-DSCF2671

So oft bin ich schon über diesen Weg mit dem geheimen Code gegangen. Es ist mir bis heute nicht gelungen ihn zu entschlüsseln.
k-Leer

Vorsicht muss man immer walten lassen. Nicht dass man sich unbemerkt die Hinterlassenschaften mancher Viebeiner ins Profil seiner Schuhsohlen massiert und sich später über die strenge Geruchsbildung im Auto, oder im Flur wundert. Mancherorts ist dafür die Wahrscheinlichkeit auf dem Bürgersteig recht hoch. Auf dem Eifelsteig z.B. hingegen ist die Wahrscheinlichkeit wesentlich geringer. Dafür findet man dort hin und wieder Klumpen von anderen Vierbeinern, über die man sogleich ins Stolpern geraten kann.
k-290520141407k-DSCF4100

Fazit:
Der Erlebnisweg Bürgersteig wird oft unterschätzt und daher eben auch schnell vergessen.
Er hat durchaus seine Reize und kann sich mit manch anderem Steig unbesehen messen.
Man muss nur richtig hinschauen…

11 Gedanken zu „Erlebnisweg Bürgersteig

  1. Ich krieg das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Toll geschrieben. Leider ist die Geschichte des Steigeisens vollkommen untergegangen.
    Grüße
    Jürgen

  2. oh Mann……da war wohl einem etwas langweilig, oder? Dieser Bericht gehört in die Zeitung. Absolut geile Idee und dazu noch famos umgesetzt.
    Aber die Idee mit dem Steigeisen würde ich an Deiner Stelle mal aufnehmen, klingt äusserst interessant 😉
    Lieben Gruß

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s